Gott in der Nische

Nicht jede Religion hat Prachtbauten in jeder Straße, wird vom Staat subventioniert und hat es geschafft seinen Glauben in allgemeingültiges Brauchtum zu verwandeln. Im Schatten großer katholischer Glocken kämpfen kleine Religionen um Gläubige, ihre Werte, Anerkennung und den Weg ins Paradies. Eine Bestandsaufnahme zwischen Judentum, Mormonen, Evangelikalen, Buddhisten und den Zeugen Jehovas… und ja, sogar die Satanisten haben einen Gastauftritt.

Blut flutete einst die Gasse. Deswegen ist der Vorhang zur Geisterwelt hier besonders dünn. Um die Ecke gibt es Schnitzel. Nun, das ist immerhin ein Anfang.

Ein Spaziergang in diese Ecke ist der kurzweiligste Einstieg, um die verschiedenen Religionen in Wien zu entdecken. Denn Wien mag eine katholische Stadt sein, aber die Blutgasse im ersten Bezirk gehört den Satanisten. Zumindest gefühlt. Denn hier, so wollen es zumindest die Satanisten, wurden im Jahre 1312 Tempelritter niedergemetzelt. Ihr Blut tränkte die Straße. Eigentlich. Ganz uneigentlich gilt, dass man als Satanist nicht wählerisch mit seinen Pilgerstätten sein darf. Denn die Straße hieß erst „Kotgässl“, dann „Gasse hinter den Deutschen Herren“, dann „Milchgasse“ und dann „Kergässel“. Der Name Blutgasse wurde erst 1862 eingeführt und bezieht sich wohl eher auf die Schlachter die in der Gegend ansässig waren.

Deutschland und Österreich sind katholische geprägte Länder. In Wien leben 1,2 Millionen Katholiken – bei knapp über 1,7 Millionen Einwohnern. Das Leben findet im Rhythmus der katholischen Kirche statt: An Sonntagen sind die Geschäfte geschlossen und vom Lohnzettel wird automatisch ein Teil an die Kirche überwiesen. Letzteres ist ein Überbleibsel aus dem Jahr 1939. Was auch erklärt, warum dieses Privileg keinem anderen Verein – ob Partei, Tierschutz oder Kegelclub – eingeräumt wird.

Brauchtum statt Religion

Religiös betrachtet gibt es reichlich Alternativen. Juden, Mormonen und Buddhisten, die Zeugen Jehovas und evangelikale Freikirchen haben sich erfolgreich in diesem katholischen Umfeld eingerichtet. Auch, weil sie als kleine Gemeinden flexibler sind. Weil sie individueller sind. Weil sie tatsächlich Glauben anbieten. Viele Katholiken treibt der Brauchtum in die Kirche und zur Spende, nicht die Religiosität.

Das ist keine wilde These, sondern lässt sich statistisch untermauern. Zwar wird das „christliche Abendland“ gerne ins Feld geführt, wenn es darum geht unchristliches Verhalten zu legitimieren, aber nur 3 Prozent aller Befragten glauben, dass Religion zur Identität des Landes gehört – Spitzenreiter sind die Sprache (43%) und die Geschichte (35%). Das passt zu der Aussage, dass nur 6 Prozent der Befragten ihren Wertekanon der Kirche zu verdanken haben. 52 Prozent geben an, dass die Kirche absolut nichts mit ihren Wertevorstellungen zu tun habe.

Kein Wunder, schließlich macht Religion nicht glücklich. Gerade einmal 25 Prozent der Österreicher denken, dass Glaube glücklich machen kann. „Kann“ wohlgemerkt. Das ist der geringste Wert aller Optionen die zur Verfügung standen – Gesundheit (89%), Partnerschaft (79%) und Familie (74%) führten die Tabelle an. Und last but not least ist Religion das unbeliebteste Fach an der Schule.

Bei kleineren Glaubensgemeinden ist das anders. Die Menschen dort werden von solchen Statistiken und Umfragen nicht abgebildet. Sie suchen sich eine Religion aus Überzeugung aus. Es ist sogar eher so, dass sich die Religionen, einer noblen Diskothek gleich, ihre Gläubigen sogar aussuchen können. Das Judentum hat dabei die härteste Tür.

Judentum: Es ist kompliziert

Wer eintreten möchte, der muss beweisen, dass er es wirklich will. Er muss hebräisch lernen um aus der Tora lesen zu können, er muss eine Vielzahl von Regeln, Ritualen und Prozesse umsetzen. Ein Mensch muss sich ändern. Sein Leben, seine Taten. Wer Jude sein will, der kann kein Zaungast sein. Ganz oder gar nicht. Das kann die Anwärter verunsichern und verängstigen. Erschwerend kommt hinzu, dass es zwar Rabbiner gibt, die mit dem Interessierten einen Dialog führen, diese aber angehalten werden, ihn abzulehnen. Es ist eine Prüfung. Kommt er zurück, ist er einen Schritt näher dran am Eintritt ins Judentum.

Dieses Abklopfen der Bereitschaft ist wichtig. Das Judentum ist eine sehr lebendige Religion. Jede Erfindung, die im Lauf der Jahrhunderte gemacht wurde, vom fließenden Wasser, über Elektrizität und das Auto bis hin zum Smartphone unterliegt gewissen Regeln. Jeder Gebrauchsgegenstand, jedes Nahrungsmittel muss „koscher“ sein, was übersetzt so viel bedeutet wie „rein zur Verwendung“.

Diese Regelmäßigen Anpassungen der Vorschriften konnten passieren, weil es eine mündliche und eine schriftliche Tora gibt. Aus den zehn Geboten wurden 360 und eine Reihe von Vorschriften, die von den Rabbinern selbst kamen. Kurzum: Es ist kompliziert.

Wacht ein Wiener auf, dann geht er ins Bad, zieht sich an, schlendert ins Caféhaus und genießt den kleinen Braunen, die Zeitung und eine Semmel. Wacht ein Jude auf, beginnt ein Zustand der Dankbarkeit. Es ist das Leitmotiv dieser Religion. Seine erste Handlung ist folgender Satz (unpräzise übersetzt): „Ich bedanke mich bei meinem Herrn, du mein existierender König, dass du mir im Erbarmen mein Leben führst.“ Im Judentum ist der Schlaf ein Zustand zwischen Sein und Nicht-Sein und das Aufwachen wird nicht als selbstverständlich hingenommen.

Anschließend wäscht sich ein Jude die Hände und sagt einen passenden Segensspruch. Danach bedankt er sich für den reibungslosen Ablauf aller Körperfunktionen, was nicht viel weniger sei als ein Wunder. Derart dankbar geht er zum Gottesdienst. Erst dann, darf er sich zu seinem Wiener Freund ins Caféhaus setzen.

Es geht bei all diesen Regeln vor allem darum, bewusst zu leben. Will ein Jude zu Hause kochen, muss er sich jeden Schritt genau überlegen. Neue gekaufte Töpfe müssen vor der ersten Verwendung erst einem Ritualbad unterzogen werden, bevor sie als koscher gelten. Diese Ritualbäder selbst müssen nach strengen Vorschriften aus dem Talmud gebaut sein. Zu Hause muss das Geschirr mit einem Segensspruch noch gereinigt werden. Hat ein Jude gekocht – zum Beispiel Schnitzel mit Petersilienkartoffeln – spricht er einen Segensspruch auf da Fleisch. Dann auf die Kartoffeln. Dann erst darf er essen. Ist der Teller leer, folgt ein Dankesspruch.

Das Judentum verleiht bestimmten Bezirken in Wien, vor allem Teilen des zweiten Bezirkes, einen ganz eigenen Charme. So haben die Gläubigen ihre eigenen Gretzl in denen sie zusammen leben. Nicht nur unter an sich, aber eben doch gehäuft. Das ist zum einen historisch gewachsen, zum anderen so gewollt. Viele gläubige Juden erkennt man am Aussehen. Die Herren an Bat, Mütze oder Löckchen, die Damen am eleganten, aber sehr schlichten Kleidungsstil. Eine zeitlose Mischung aus einfachen Schnitten und gedeckten Farben.

Der Zwang zu glauben

Der Mensch glaubt von Natur aus. Dadurch, dass der Mensch an etwas glaubt, an etwas Höheres, kann er den Alltag besser bewältigen. Der Mensch kann daran glauben, dass es keinen Gott gibt. Er kann daran glauben, dass nur die Mathematik alles bestimmt. Er kann an ein fliegendes Spaghettimonster glauben. Jeder Glaube führt zur „Ego-Deflation“ – wie Sebastian Murken von der Universität Trier das Phänomen nennt. Das Selbst wird etwas zusammen gestutzt und ins Verhältnis zu einer Gemeinschaft gesetzt, damit diese funktioniert. Vereint im Glauben.

An was ist dabei völlig egal. Denn Religiosität ist uns von der Evolution in die Wiege gelegt worden. Nun, nicht in die Wiege, aber in den Lobus parietalis superior, den Scheitellappen. Denn der Glaube an eine Religion hat – wie könnte es anders sein – neuronale Grundlagen. Diese zu erforschen ist die Aufgabe der Neurotheologie. Ein Begriff, der vom Chicago Center for Religion and Science im Jahr 1984 zum ersten Mal verwendet wird.

Meditative Rituale, wie eben das Gebet, minimieren die Reizzufuhr an das Gehirn. Das setzt daraufhin sein eigenes neuronales Feuerwerk in Gang und schafft sich so eigene emotionale Erlebnisse. So werden im Scheitellappen Mythen und Legenden zu Erfahrungen. Im Gehirn entsteht unser eigener Gott. So gesehen sind alle Religionen gleich.

Mormonen: Die Fortsetzung

Was freilich nicht stimmt. Wer seinen Scheitellappen in Rage versetzen möchte, der muss zu den Mormonen gehen. Auch hier findet der Gottesdienst Sonntag statt. Es kommen immer viele Familien, die Gläubigen sind auffällig gut angezogen. Ein Sakko oder hübsches Kleid ist obligat, Krawatte oder Haarschmuck nicht selten. Natürlich sind auch Mormonen nur Menschen und so haben sich diejenigen mit Tablets und Smartphones in die letzten zwei Reihen verdrückt.

Es findet gerade ein ganz besonderer Gottesdienst statt. Gemeindemitglieder dürfen vortreten und vom Pult, das sonst für den Pfarrer vorgesehen ist, berichten, Wann sie zuletzt Gott gespürt haben. Geprüft werden die Reden von der Gemeindeleitung vorher nicht. Sie vertraut den Schäfchen. Ein Wiener Handwerker tritt ans Pult. Kräftig gebaut, ein Bauch, der so aussieht, als sei er wohlverdient. Er spricht mit kräftiger Stimme und noch kräftigerem Dialekt. Nicht einmal die gebürtigen Wiener dürften alles verstanden haben. Er erzählt davon, wie er auf einem Friedhof mit katholischen Nonnen diskutiert hatte. Es folgt eine eher zierliche, ältere Dame. Lila Pullover, Perlenkette. Sie hat Gott zuletzt gespürt, als sie einen Schüler Orgel hat spielen hören. Ohne Notenblätter. Frei und aus dem Kopf.

Dann: Ego-Deflation, Scheitellappen-Attacke. Ein Mann tritt ans Pult. Vielleicht Mitte Dreißig. Grauer Anzug, burgunderrote Krawatte, Brille. Eine smarte Erscheinung. Man würde ihm sofort sein Geld anvertrauen, auf das er es in Start-ups investiere. Er spricht davon, dass er Gott in dieser Gemeinde spüre. Im Zusammenhalt der Menschen, in der Gemeinschaft. Er beginnt zu weinen. Kein leises Schluchzen, eine totale Hingabe. Er verlässt das Pult, setzt sich, wird umarmt.

Das ist die Kernkompetenz der Mormonen. Sie setzen das Familienleben und die Gemeinschaft an erste Stelle. Mormonen heiraten früh, kriegen viele Kinder und lassen sich seltener (aber eben doch manchmal) scheiden. Die Gemeinde empfiehlt einen Familienheimabend pro Woche. Es soll zusammen gespielt und gebetet werden – ohne Computer, ohne Fernseher, ohne Handy. Außerdem werden die Mitglieder angehalten einmal pro Monat bei einem anderen Gemeindemitglied vorbei zu schauen. Ist der Bruder oder die Schwester, so die offizielle Bezeichnung der Mitgläubigen krank, bringt man ihm Suppe. Hat er Probleme in der Ehe oder dem Beruf spricht man drüber.

Ein Glaube, der auf dem Buch Mormon basiert. Veröffentlich wurde es 1830 von Joseph Smith, dem Kirchengründer. Er gilt den Gläubigen als Prophet und seine Schrift als Fortsetzung der Bibel. Um die Geschichte rund um Smith zu glauben braucht es auch nicht mehr Offenherzigkeit als für die meisten anderen religiösen Geschichten. So sei ihm der Engel Moroni erschienen, der ihm verraten habe, wo er auf dem Hügel Cumorah (in der Nähe Manchesters in New York) goldene Platten fände, auf denen das immerwährende Evangelium geschrieben stehe. Smith fand und übersetzte die Platten.

Darin enthalten sind das Verbot von Alkohol, Tee, Kaffee und Tabak. Letzteres allerdings erst auf Nachfrage von Joseph Smith Ehefrau. Die hatte sich geärgert, dass sie immer die Kautabak-Reste vom Boden entfernen musste. Also schickte sie ihren Ehemann in den Wald um Gott zu fragen, was er von Tabak halte. Gott verbannte daraufhin den Tabak, erlaubte aber Kräuter zu medizinischen Zwecken.

Genau genommen bezieht sich das Verbot auf alle Substanzen die süchtig machen können. Wer keinen Kaffee trinkt, dafür aber einen Energiedrink, wer keinen Tabak konsumiert, dafür aber Unmengen von Schokolade, verstößt genauso gegen das Gebot.

Mormone sein ist teuer. Um zehn Prozent vom Gehalt bittet die Gemeinde (freilich ohne es zu kontrollieren). Anders ließe sich bei 1.300 Gläubigen in Wien und etwa 4.000 in ganz Österreich die Infrastruktur aus Kirchen auch nicht erhalten. Ein weiterer Punkt der Geld kostet ist die Ahnenforschung. Mormonen glauben daran, dass jeder Mensch getauft sein muss, um ewiges Leben zu erlangen. Um das zu erreichen, können Familienmitglieder auch nach ihrem Tod getauft werden. Das Gemeindemitglied lässt sich einfach stellvertretend taufen. Das führte dazu, dass die Kirche der Mormonen ein unfassbares Archiv unterhält, das von Ahnenforschern auf der ganzen Welt verwendet wird – ob gläubig oder nicht.

Die Mormonen haben ein Problem: das Image. Denn das Bild, das wir von den Mormonen haben, wird hauptsächlich aus den USA geprägt. Dort wird der Glaube etwas extremer ausgelebt, was meist zu verhärteten politischen Meinungen weit rechts von der Mitte führt. In Europa sind die Anhänger zwar weit gemäßigter, aber auch nicht so präsent.

Evangelikale: Freiwild

Gleiches gilt, in einem noch sehr viel extremeren Maßstab, auch für die evangelikale Freikirche. Die Berichte aus den USA stimmen beinahe alle. Es gibt evangelikale Amerikaner die Homosexuelle verachten, die Evolutionstheorie ablehnen und glauben, die Erde sei 6.000 Jahre alt. Einen Wiener Evangelikalen zu treffen, der diese Meinungen vertritt dürfte schwer werden.

Schwer, wahrscheinlich aber auch nicht unmöglich. Das liegt am grundsätzlichen Aufbau dieser Kirche. Seit der Reformation gab es immer wieder Gründungen neuer Gemeinschaften. Da es keinen Papst gibt, der eine einheitliche Richtung vorgibt, muss jeder Gläubige selbst herausfinden, was für ihn Sinn ergibt und was nicht. So kam es zu einem breiten Spektrum im protestantischen Bereich. Unterscheidungen, die in den USA nicht getroffen werden. Der Begriff Freikirche baut einerseits auf der Freiwilligkeit auf, andererseits auf der Notwendigkeit, sich von den großen Kirchen zu unterscheiden. Es gibt die Freikirchen Österreich. Unter diesem Begriff sind fünf freikirchliche Bünde organisiert. Die Evangelikalen, die Pfingstgemeinde, die Mennoniten, die Baptisten und die Elaia. Die Summe der Teile: 160 Gemeinden mit 20.000 Gläubigen.

Eine einheitliche Meinung oder Glaubensauslegung gibt es daher nicht. Lediglich der Kern ist der Gleiche: Gott erschuf die Welt, Jesus Christus lebte, starb und stand wieder auf. Die Evangelikalen aus dem achten Wiener Bezirk gruppieren ihren Glauben rund um den Begriff „Gnade“. Gott akzeptiere sie nicht, weil sie sich an bestimmte Geboten halten würden, sondern weil er Gnade walten lässt.

Ihre Kirche war einmal ein Lokal. Der Saal ist länglich, liegt im Erdgeschoss eines alten Eckhauses und würde eine tolle Weinbar abgeben. Gepredigt wird von der Mitte des Saals aus. In beide Richtungen geht ein Fernseher weg, auf dem die Liedtexte abgebildet werden. Eine Orgel gibt es nicht, aber Klavier und Bass verleihen den Kirchenliedern ohnehin mehr Verve.

Eine ältere Dame erzählt im Vorraum, dass sie jeden Sonntag aus dem zehnten Bezirk herfahren müsste. Mit dem Auto. Deswegen bete sie vor der Abfahrt immer für einen Parkplatz in der Nähe der Gemeinde. Sie haben noch immer einen bekommen. So pragmatisch kann Religion sein.

Der Gottesdienst dauert etwa 75 Minuten. In der Predigt geht es unter anderem darum, dass es keine Grenzen gibt und alle Menschen gleich sind. Wer anderer Meinung sei, der müsse dieses Problem lösen. Deswegen kriegen die Gläubigen auch eine Hausaufgabe mit auf den Weg. Sie sollen versuchen mit jemanden klar zu kommen, den sie nicht mögen.

Die erste Frage, die mir von einer Dame gestellt wird ist die, ob ich denn an Jesus Christus glauben würde. Sie lässt keinen Zweifel daran, dass sie es tut.

Doktor Gott

Medizinisch betrachtet könnte das eine gute Sache ist. Eine Studie von David Larson, ein Psychologe vom National Institute for Healthcare Research in den USA, legt nahe, dass sich Religion positiv auf die Gesundheit auswirkt. Larson untersuchte den Zusammenhang zwischen Religion und psychischer Gesundheit. Dafür verwendete er alle Studien seines Instituts aus den Jahren 1978 bis 1989. Religiosität wirkte sich in 84 Prozent der Fälle positiv auf die Gesundheit aus. Eine weitere Studie belegte, dass Menschen, die einmal pro Woche in die Kirche gehen, um 6,6 Jahre länger leben. Ein Ergebnis, über das in der Wissenschaft allerdings noch gestritten wird, weil Ursache und Wirkung nicht klar genug heraus gearbeitet wurden.

Wer aus religiösen Gründen aus Alkohol, Tabak und Feiern verzichtet, der lebt natürlich gesünder und damit im statistischen Mittel auch länger. Mit dem Kirchenbesuch hat das aber nichts zu tun. Auch abstinente Atheisten leben länger.

Zeugen Jehovas: Celebrate good times

Das dürfte vor allem die Zeugen Jehovas freuen, deren Glaube zu großen Teilen auf Enthaltsamkeit beruht. So gibt es angeblich weltweit keinen Zeugen Jehovas der raucht, auch Alkohol und außerehelicher Sex sind verboten.

Das hat zweierlei Gründe. Zum einen legen die Zeugen Jehovas die Bibel sehr streng aus. Es geht für sie darum den urchristlichen Glauben am Leben zu erhalten. Und weil in der Bibel die negativen Folgen ausschweifender Feste beschrieben werden, hält man sich von so etwas fern. Das hat zur Folge, dass weder Geburtstag, noch Weihnachten oder irgendwelche Jubiläen zelebriert werden.

Weihnachten ist für die Zeugen Jehovas ein Problem, weil dieser Brauch nichts mit dem urchristlichen Glauben zu tun habe. Ihm sogar zuwider laufe – wie beispielsweise ein Weihnachtsbaum im Zimmer. Geschenke gibt es deswegen unabhängig vom Datum während des Jahres. Den Kindern soll klar gemacht werden, dass sie diese Geschenke aus Liebe und nicht aus gesellschaftlichem Zwang heraus erhalten.

Grund Nummer zwei hat mit Glaubwürdigkeit zu tun. Markenzeichen der Zeugen Jehovas sind die Missionare die von Tür zu Tür gehen. Angenommen man hat einen Zeugen Jehovas im Freundeskreis, der sich regelmäßig betrinkt und wird dann von zwei Missionaren der Zeugen Jehovas auf Enthaltsamkeit angesprochen, hilft das nicht gerade dabei die Botschaft zu vermitteln.

Das größte Fest ist der Gedenktag an den Tod von Jesus Christus. Der wird nach dem jüdischen Kalender begangen und findet am 14. Nisan statt – das ist Tag zwischen dem 29. März und dem 4. April. Ein weiterer großer Festakt ist die öffentliche Taufe.  In Wien wird dafür das Ernst-Happel-Stadion gemietet, um Platz für die rund 30.000 Gäste zu haben.

Imageprobleme begleiten die Zeugen Jehovas Zeit ihres Bestehens. Was auch mit der Abschottung zu tun haben mag. So sperrt sich die Kirche gegen die Ökumene und beteiligt sich auch nicht an einer gemeinsamen Plattform der Religionen. Das kommt bei den anderen Gemeinden nicht gut an. Ein weiterer Punkt ist die Art der Gemeinschaft. Grundsätzlich stehen die Zeugen Jehovas sehr eng zusammen. Wer sich an ein strenges Regelwerk halten möchte, der tut sich damit leichter, wenn seine Freunde sich nach dem gleichen Konvolut richten. Zum einen. Zum anderen ist eine gleiche Wertebasis wichtig unter Freunden. Zeugen Jehovas haben so sehr schnell nur andere Zeugen Jehovas als Freunde. Wer aber beständig gegen die Regeln der Kirche verstößt, der kann von der Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Das bedeutet, dass er zwar zu den Gottesdiensten gehen kann, dort aber keiner mit ihm redet. Zeigt er sich geläutert und macht seine Fehler wieder gut, wird er wieder aufgenommen.

Mein Phantasiefreund

Religionen sind Interpretationssache. Jeder Mensch ist sein eigener Innenarchitekt. Ein Phänomen, das unter anderem die evolutionäre und kognitive Religionsforschung beschäftigt. Ihre Erkenntnis ist, dass jede Glaubensäußerung zu einer Vielzahl subjektiver Annahmen führt. Götter und Heilige werden beispielsweise automatisch vermenschlicht. In einem Experiment beispielsweise wurde den Versuchspersonen erzählt, wie ein allmächtiger Gott alle Probleme gleichzeitig löst. Per Fingerschnippen quasi. Als sie die Geschichte nacherzählen sollten, ließen sie den Gott ein Problem nach dem anderen lösen. Das erschien ihnen menschlicher.

Evolutionär betrachtet hilft das. Der Mensch ist in der Lage Beziehungen zu Personen aufrecht zu erhalten, die gar nicht da sind. Hunden oder Fischen ist das unmöglich. Geübt wird diese Art der Kontaktpflege mit imaginären Freunden, Superhelden, Spielzeug. Das ist völlig normal. So entstehen höhere moralische Instanzen. Diese Instanzen wissen, wann wir etwas falsch gemacht haben.

Religionen bedienen sich, wahrscheinlich eher unbewusst, dieser menschlichen Eigenart. Auch das ist im Sinne der Natur. Denn der Mensch strebt danach Gemeinschaften zu bilden. Dafür braucht es aber Vertrauen. Wer signalisiert, dass er die gleiche moralische Instanz hat – den gleichen Phantasiefreund, um in der kindlichen Sprache zu bleiben – der ist vertrauenswürdig. Nachdem sich mittlerweile jeder Politiker auf irgendeinen Gott beruft, vor allem dann, wenn eher inhumane Entscheidung anstehen, könnte sich dieses Muster aber irgendwann ins Gegenteil verkehren.

Buddhismus: Bewusst sein

Eine der wenigen Ausnahmen ist der Buddhismus, die als Erkenntnis- und  nicht als Glaubensreligion verstanden werden muss. Buddha selbst war kein Gott, sondern ein Mensch, der durch Meditation Erleuchtung erlangte. Was dem Gläubigen sein Gebet, ist dem suchenden Buddhisten deswegen die Meditation – idealerweise zwei Mal am Tag, zwischen fünf und 45 Minuten.

Die Meditation soll zu einem bewussten Leben führen. Wer Kaffee trinkt, der soll Kaffee trinken und dabei nicht auch noch Fernsehen schauen. Wer eine Straße entlang läuft, soll einen Fuß vor den anderen setzen und sich nicht schon Gedanken über seinen Zielort machen. Viele verwechseln diese Entschleunigung mit einem asketischen Leben. Das ist falsch. Ein jeder Buddhist soll kaufen, was er für nötig erachtet. Nur soll er sich eben vorab Gedanken machen, was er wirklich braucht.

Weltweit bleibt der Anteil der Buddhisten stabil bei rund sechs Prozent. Weil aber die Weltbevölkerung wächst, gibt es immer mehr Buddhisten. In Europa ist der Buddhismus dabei besonders ursprünglich. Denn in vielen asiatischen Ländern ist mit dem Buddhismus das passiert, was hierzulande mit der katholischen Kirche passiert ist. Aus einem bewussten Leben wurde Brauchtum, der nur dann hervorgekramt wird, wenn es gerade passt oder es die Gesellschaft erwartet.

In Europa ist das anders. Die hier praktizierenden Buddhisten entschieden sich sehr gezielt für diese Art Leben und richten sich daher nach den Lehren und Ideen dahinter. Eine weitere Besonderheit ist, dass der Buddhismus eine anerkannte Religion ist, was hierzulande Verwaltungsaufwand bedeutet. Wer als Buddhist eingetragen werden möchte, muss ein Formular unterzeichnen. Ein Konzept, das Buddhisten fremd ist. Und so kommt der Buddhismus in Österreich zwar nur auf 3.000 eingetragene Mitglieder, aber auf etwa 25.000 praktizierende Buddhisten. Dazu kommen noch asiatische Einwanderer, die sich ebenfalls nicht als Kirchenmitglieder registrieren lassen.  Wozu auch?

Der Buddhismus kennt keine Gebote. Er setzt auf Einsicht und schlägt fünf Arten vor, diese zu erlangen:

Ich übe mich darin, keine lebenden Wesen zu töten oder zu verletzen.

Ich übe mich darin, mir nicht gegebenes nicht zu nehmen.

Ich übe mich im achtsamen Umgang mit meiner Rede.

Ich übe mich darin, der unheilsamen Verwendung meiner Sinne zu versagen.

Ich übe mich darin, mich berauschender Mittel zu enthalten.

Das gibt praktizierenden Buddhisten viel Spielraum und macht den Einstieg in diese Religion leicht. Jeder Mensch ist dazu aufgerufen sein Leben so weiterzuführen wie bisher, bei jeder Tat aber an diese Grundsätze zu denken und so Stück für Stück ein bewussteres Leben zu führen.

Amen

Glaube und Erkenntnis, Religion und Atheismus sind ästhetische Kategorien. Sie lassen keine kaufmännische Kosten-Nutzen-Rechnung zu. Wird an einer Stelle von einer Kirche eine Ungerechtigkeit verübt, kann diese durch eine gute Tat an anderer Stelle nicht wieder gut gemacht werden. Andersherum funktioniert dieses Argument aber auch. Überwältigend nutzlose Debatten über Gott hat niemand gewollt. Diesen Streit hat keiner gesucht. Er kam auf einer dunklen Straße auf uns zu und verschwand nicht mehr. Schade drum.

Die einen mag der Gedanke an ein ewiges Leben erschrecken. Man muss doch auch einmal loslassen können, es muss doch nicht alles für die Ewigkeit bestimmt sein. Anderen gibt er Trost. Die einen stört das Glockengeläut, andere finden es schön. Die einen sehen Geldmacherei, die anderen Gruppen mit gleichem Wertekanon, die einsamen Menschen Halt und Heimat geben. Glauben und Glauben lassen. Wir können sowieso nicht anders.

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