Deutsche Industrieunternehmen benötigen Grünen Wasserstoff für Ihre Dekarbonisierungspläne. Ihn ausschließlich lokal zu produzieren, ist fast unmöglich. China bietet sich als Energielieferant an.
- China hat eine Überproduktion Grünen Wasserstoffs.
- Deutschland benötigt Grünen Wasserstoff um die Emissionsziele zu erreichen.
- Eine Geschichte für Table.Briefings.
Die ganze Debatte rund um Wasserstoff bringt Matthias Lisson im Interview auf den Punkt: „Grüner Wasserstoff ist für die Stahlindustrie und Chemiebranche alternativlos. Wenn dieser andernorts produziert wird und zu attraktiven Konditionen in geeigneter Qualität geliefert werden kann, ist auch der Import ein richtiger Weg.“ Lisson ist Geschäftsführer der Hy2Gen Deutschland GmbH – ein Wasserstoffproduzent und damit eigentlich ein Konkurrent möglicher China-Importe. Doch er begrüßt die möglichen Wettbewerber. Hintergrund ist, dass es unmöglich ist, in Deutschland die ausreichenden Mengen an Grünem Wasserstoff zu produzieren. Auch Hy2Gen produziert im Ausland.
Darum hat China Grünen Wasserstoff übrig
In China gab es, unterstützt von der Kommunistischen Partei, einen regelrechten Boom an erneuerbaren Energien. Provinzen wurden ermutigt, ihre eigenen Solar- und Windparks zu errichten. Allein im Jahr 2024 entstand eine Kapazität von 356 Gigawatt an Solarzellen und Windrädern. Doch das Problem ist, dass längst nicht alle dieser Projekte ans landesweite Stromnetz angeschlossen sind. So entstehen lokal große Mengen erneuerbarer Energien, die nicht gespeichert oder genutzt werden.
Einige energieintensive Industrien lagern sich deswegen an diesen Solar- und Windparks an und beziehen ihren Strom direkt von dort. So sparen Sie sich etwa 60 Prozent des eigentlichen Strompreises, da die Netzentgelte entfallen. Das größte Problem sind Dunkelflauten. So sind die chinesischen Hersteller in der Lage, eine Tonne Ammoniak (entsteht, wenn man Wasserstoff mit Stickstoff anreichert und ist leichter zu transportieren) für etwa 1.000 Euro anzubieten. Bis das Ammoniak aus den abgelegenen Gegenden (etwa die innere Mongolei) nach Europa transportiert, wieder zu Wasserstoff gemacht und ins Netz eingespeist wurde, ist er kaum günstiger als Wasserstoff von europäischen Produzenten. Das Problem sei laut Lisson auch eher die Menge, nicht der Preis.
Die Probleme der Wasserstoffproduktion in Deutschland
„Manche Industrien müssen Wasserstoff in ihren Dekarbonisierungsplänen berücksichtigen, um die gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen. Deutschland hat aber nicht die perfekten Voraussetzungen, um grünen Strom in ausreichender Menge zu kompetitiven Preisen zu erzeugen und wird deshalb immer auf einen globalen Handel angewiesen sein“, erklärt Max Egenhöfer von der Boston Consulting Group. Er ist Mit-Autor der Studie „De-Risking Low Carbon Hydrogen“.
Um einen durchschnittlichen Industriepark in Deutschland ausschließlich mit Energie aus Wasserstoff zu versorgen, bräuchte man einen 12.000 Hektar großen Windpark (knapp die halbe Fläche von Frankfurt am Main). Dafür gibt es weder Platz noch Genehmigungen. Deswegen produzieren auch europäische Wasserstoffhersteller in Gegenden mit viel Wind – etwa in Mexiko oder Argentinien. Mit Windparks in Küstennähe lässt sich auch der Transport günstig gestalten. „Wir benötigen Terrawatt an Elektrolyseleistung und die müssen irgendwoher kommen. Deswegen wird die Wasserstoffbranche ein globaler Markt bleiben“, erklärt Lisson.
In Deutschland sieht er das große Problem im Gesamtdeutschen Energiemarkt. In Norddeutschland ließe sich mit günstiger Windkraft zu fairen Konditionen und dennoch profitabel Grünen Wasserstoff erzeugen. Die teure Energie aus anderen Teilen Deutschlands treibe allerdings den Preis nach oben. Und weiter: „Die Strompreiszonenabtrennung ist meiner Meinung nach der wichtigste Aspekt, um die Wasserstoffindustrie voranzubringen.“
Ein Argument, das auch Egenhöfer bringt. „Dadurch, dass Deutschland und Europa regulatorisch stark fragmentierte Landschaften sind, gelingt uns bei der Gesetzgebung kein sublimierendes Umfeld für die Wasserstoffindustrie.“ Tatsächlich fördert China sehr viel pragmatischer. Die Regierung in Peking hat Wasserstoff zu einer Schlüsselindustrie ernannt. Konkrete Projekte werden sehr zielgerichtet gefördert. Anders als in Europa. „Wir versuchen immer, die Gesamtheit aller Probleme zu lösen, anstatt einzelne Use-Cases schnell und direkt anzugehen“, analysiert Egenhöfer.
In der vollständigen Geschichte (Paywall) – Überproduktion: Wieso chinesischer Wasserstoff in Deutschland willkommen ist – erkläre ich auch, welche Probleme China bei der Produktion von Grünem Wasserstoff hat, welche Mengen produziert werden, erkläre die Preisgestaltung und welche Nation rein technisch die Nase vorne hat.
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Auch in China ist Wasserstoff vor allem für die Industrie gedacht. Doch die Kommunistische Partei sieht auch in der Mobilität einen möglichen Einsatz. Chinesische Autohersteller haben einige Fortschritte bei der Entwicklung von Wasserstoffmotoren gemacht. Vor allem im Norden des Landes, wo Elektroautos kaum verbreitet sind, könnte sie eine Alternative sein. Sogar Hybridantriebe sind denkbar. Der chinesische Autobauer FAW hat ein Antriebssystem entwickelt, das mit Wasserstoff, Benzin und Strom auf gleich drei Ressourcen setzt.

