Die Hamburgerin Ebru Yaral ist einzige Deutsche, die das gesamte Ocean Globe Race mitmacht. Ein Rennen rund um die Welt, wie vor 50 Jahren – ohne modernste Technik. Ein Interview über das Abenteuer ihres Lebens.
- Ocean Global Race geht zum 50-jährigen Jubiläum des Ocean Race zurück zu den Wurzeln der berühmten Weltumseglung.
- Segeln wie vor einem halben Jahrhundert: Ohne modernste Technik und Millionenbudget suchen Amateursegler das Abenteuer.
- Mit Ebru Yaral kommt die einzige deutsche Teilnehmerin für die gesamte Distanz aus Hamburg. Ebrus Gofundme-Projekt.
Vor 50 Jahren fand das erste Ocean Race statt. Damals hieß die Veranstaltung noch ‘The Whitbread Round the World Race’. Zum diesjährigen Jubiläum der Weltumseglung findet das Ocean Globe Race statt. Es orientiert sich an den Wurzeln der Veranstaltung und möchte das Gefühl des Amateurabenteuers zurück in den Sport bringen. Mit am Start ist Ebru Yaral. Die Hamburgerin ist die einzige Deutsche und die einzige mit türkischen Pass, die das gesamte Rennen mitsegeln möchte.
Ocean Globe Race: Segeln wie vor einem halben Jahrhundert
Die professionelle Sportlichkeit des aktuellen Ocean Race – mit Millionenbudget und Profisportler:innen – soll dabei in den Hintergrund rücken. Vielmehr geht es darum, dass aufstrebenden Charaktere des Segelsports die Gelegenheit gegeben wird, sich auf einem Extremabenteuer zu beweisen. Abseits modernster Technik und Millionenbudgets. Beim Ocean Globe Race sind teure Boote und modernste Ausrüstung verboten.
Es ist auch das erschwinglichste Rennen dieser Art und bietet somit mehr Menschen die Möglichkeit, sich bei dieser Art Veranstaltung zu messen. Das Ergebnis auf den vier Etappen hängt umso mehr vom seglerischen Geschick, der Kondition und der Vorbereitung der Teams ab. Im Gespräch spricht Ebru Yaral über das bisher größte Abenteuer ihres Lebens. Wer das unterstützen möchte, findet hier Ebrus Gofundme-Projekt.

Interview: Ebru Yaral über das Ocean Globe Race
Liebe Ebru, was ist das Ocean Globe Race?
Das ist eine Regatta um die Welt. Sie feiert das 50-jährige Bestehen von dem Segelrennen um die Welt, das 1973 als ‚Whitbread Around the World Race‘ anfing und heute als Ocean Race bekannt ist. Das Ocean Globe Race soll an die Werte dieser Veranstaltung aus dem Jahr 1973 erinnern. Es geht um das Team, um die Menschen, die auf dem Boot sind und das Segeln – und nicht um die Technik, die man an Bord hat. Es ist eine Art Retro-Rennen.
Was bedeutet ‚Retro Rennen‘?
Beim Ocean Race werden sogenannte Imoca gesegelt. Das ist Segelboote, die mit dem höchsten Standard, an Segeltechnik ausgestattet sind. Die Boote sind mit den neuesten Materialien extrem leicht gebaut und wahnsinnig schnell. Das Boot richtet sich aufgrund der foils im Wasser derart auf, dass es kaum Reibung erzeugt. Dazu kommt die modernste Technik – Satellitentechnologie, Radar, GPS-Kartenplotter. Bist du an Bord eines solchen Schiffes, weißt du zu jeder Sekunde, was um dich herum passiert und du kannst dein Routing mit mehreren Wettermodellen abgleichen.
Und diese Technik habt ihr nicht?
Nein. Die Boote, die wir segeln, sind alles betagtere Modelle. Ich segle auf einer Swan 53 aus dem Jahr 1988. Wir dürfen keine GPS-Kartenplotter benutzen und keine Satelliten-Kommunikation für irgendwelche Wetterinformationen nutzen. Wir müssen uns mit Sextanten, Papierkarten und einem Wetter-Fax zufriedengeben. Auch Mobiltelefone sind verboten, weil die heutzutage alle GPS haben. Wir dürfen keine CDs und MP3s oder Streamingdienste nutzen, sondern müssen auf die guten alten Kassetten zurückgreifen, um Musik zu hören. Wir haben keine E-Reader, sondern nehmen echte Papierbücher mit. Die Möglichkeit für eine ständige Kommunikation nach außen gibt es nicht. Wir haben allerdings aus Sicherheitsgründen trotzdem technisches Equipment dabei, wie beispielsweise einen GPS-Plotter
Weißt du schon, welche Bücher und Kassetten du mitnimmst?
Da habe ich mir tatsächlich noch keine Gedanken gemacht. Es müssen leider Bücher auf Englisch sein, weil die Crew, mit der ich fahre, sehr international ist und die Sprache auf dem Boot Englisch ist und jeder auch die Bücher des anderen lesen können soll.
Wie wird man denn ein Crew-Mitglied bei diesem Rennen?
Der größte Teil der Boote, die mitsegeln, stammt aus Frankreich und insbesondere der Bretagne. Für französische Segler:innen war es deswegen relativ leicht, einen Platz zu bekommen. Die kennen sich natürlich auch untereinander aus der Segelszene. Ich habe mich allerdings einfach beworben, weil es Boote gab, die noch Crew-Mitglieder gesucht haben. Es war also durchaus offen für jeden, was ja auch der Charakter des Rennens sein soll. 70 Prozent der Mitfahrer:innen müssen Amateure sein und dürfen noch nie in ihrem Leben mit segeln Geld verdient haben. Das bedeutet, dass die Boote Amateure wie mich gebraucht haben, um das Reglement zu erfüllen.
Und was passiert nach der Bewerbung? Das Rennen dauert acht Monate, da muss sich die Crew schon sehr sicher, dass es untereinander stimmt.
Absolut richtig. Ich habe eine Art Segler-CV abgegeben. Einen Lebenslauf, der speziell auf den Sport zugeschnitten ist. Danach kam ein Videointerview und ich bin zu einem Vorsegeln eingeladen worden, bei dem sich die Crew die Kandidaten angeschaut hat. Dabei geht es nicht nur um die seglerischen Fähigkeiten.
Was waren dabei deine ersten Eindrücke?
Für mich war das alles sehr neu und anders, weil das Boot deutlich größer ist als alles, was ich sonst segel. Man muss sich darauf einlassen, dass alles etwas schwergängiger ist. Es ist alte Technik mit großen Winchen, die sehr viel Muskelkraft brauchen. Und natürlich muss man sich auch im Team verstehen und das kann ich für die Crew, mit der ich segle, definitiv sagen. Es geht schließlich darum, dass die Ziele, die jeder mitbringt, und die einzelnen Charaktere zusammenpassen.
Was sind denn deine Ziele?
Ich möchte einmal um die Welt segeln, jede Etappe mitmachen und tatsächlich ankommen. Und ich wünsche mir, dass wir am Ende vollzählig und mit intaktem Boot in Southampton ankommen.
Ist die Gefahr groß, dass das nicht so ist?
Die gibt es definitiv. Schaut man sich das Withbread Race der 70er und 80er Jahre an, sieht man, dass nicht wenige aufgrund technischer Defekte aufgeben mussten. Es kam vor, dass der Mast umgeknickt ist, andere sind komplett gesunken. In den Weltmeeren gibt es sehr viele Gefahren wie beispielsweise Container, die umherschwimmen und im schlimmsten Fall das Boot so beschädigen, dass man es verlassen muss. Auch die Stürme im Südpolarmeer können heftig sein.
Das Rennen dauert acht Monate. Wie hast du das mit deinem Arbeitgeber geregelt?
Das war interessanterweise total einfach. Ich habe das Glück, bei Airbus zu arbeiten. Wir haben tatsächlich die Möglichkeit, mit einer gewissen Vorlaufzeit, ein Sabbatical zu nehmen. Die Modalitäten dafür sind überraschend leicht. Meine Teamleiterin hat mich dabei sehr unterstützt und fand das selbst fantastisch. Sie hat es mir ermöglicht, mir diesen Traum zu erfüllen.
Was passiert, wenn du nach acht Monaten wiederkommst?
Ich habe ein zehnmonatiges Sabbatical genommen. Für die Zeit wird jetzt jemand anderes das Team unterstützen. Stand heute ist geplant, dass ich die gleiche Stelle im selben Team zurückbekomme. Sollte irgendein ungewöhnlicher Fall eintreten, könnte es auch ein anderer Job sein, aber das erwarte ich eigentlich nicht.

Du bist die einzige Hamburgerin, die einzige Deutsche und die einzige Türkin, die das gesamte Rennen mitmacht. Was würdest du denn anderen raten, damit sich das ändert?
Einfach machen. Ich möchte Frauen und Mädchen motivieren, jeden Sport zu machen, zu dem sie sich hingezogen fühlen, an dem sie Spaß haben. Das dürfen sie sich nicht kaputt reden lassen. Das Rennen ist noch relativ unbekannt, vielleicht gibt es auch deswegen kaum Teilnehmerinnen aus Deutschland oder der Türkei. Wenn das Rennen erst einmal stattgefunden hat, ist das vielleicht anders.
Wie hoch ist denn die Einstiegshürde beim Segelsport? Also ich würde sagen, man braucht nur einen Freischwimmer und das Interesse und die Leidenschaft für den Sport. Man muss das Boot sehen und sagen: ‚Ja, das möchte ich gerne mal ausprobieren.‘ Es gibt immens viele Vereine, die auf Seen oder auf den Meeren hier in Deutschland Kurse anbieten – auch für Einsteiger. In einem Verein ist man gut aufgehoben. Die haben die Strukturen und die Boote, Trainings- und Lernmöglichkeiten.


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