Das aktuelle Industrie-4.0-Barometer 2026 von MHP zeichnet ein düsteres Bild für die DACH-Region: China enteilt, während hierzulande Unternehmen hinterherhinken. Doch es gibt auch hier Leuchtturmprojekte.
- China hängt die DACH-Region im Bereich der Industrie 4.0 ab.
- Es gibt jedoch auch hier Leuchtturmprojekte der Digitalisierung, von denen man lernen kann.
- Eine Geschichte für Table.Media.
Im globalen Wettlauf um die intelligente Fabrik hat sich eine Zweiklassengesellschaft gebildet. Während China das Industrie-4.0-Barometer 2026 der Management- und IT-Beratung MHP unangefochten anführt (72 Prozent), tritt die DACH-Region mit 57 Prozent auf der Stelle. Auch die USA (69 Prozent) sowie der Newcomer Indien (68 Prozent) sind außer Reichweite. Das Industrie-4.0-Barometer bewertet, wie weit Technologien wie Künstliche Intelligenz oder der Digitale Zwilling bereits in den Alltag integriert sind und an welchen Hürden die Transformation scheitert.
Industrie 4.0: China hängt die DACH-Region ab
Dass China enteilt, aus mehreren Gründen. Einer ist struktureller Natur. In neun von zehn chinesischen Unternehmen gibt es einen CIO (Chief Information Officer) in der Geschäftsführung. Das heißt, dass Digitalisierungsprojekte dort von oben vorangetrieben werden. In der DACH-Region gibt es diese Position nicht einmal in der Hälfte der Unternehmen. Mehr zu den Hintergründen habe ich in der vollständigen Geschichte für Table Media zusammengefasst (Paywall).
Dazu kommt ein anderer strategischer Ansatz. In China gibt es immer noch sehr viele Greenfield-Projekte, die dort mit einem radikalen „Digital-by-Design“-Ansatz umgesetzt werden. Das bedeutet, dass schon beim Fabrikbau um die Software herum geplant wird. Hiesige Unternehmen haben gewachsene Strukturen, in denen solche Projekte schwerer umzusetzen sind. Dazu kommt, dass In der DACH-Region der wirtschaftliche Fokus oft auf defensiver Kostensenkung liegt. In den Ländern, die das Barometer anführen, geht es eher um die schnelle Entwicklung neuer Services und die Eroberung neuer Märkte.
Best-Practice-Beispiele der Industrie 4.0 in Deutschland
Doch der Blick auf den Durchschnitt trügt. Denn auch im DACH-Bereich gibt es Unternehmen, die den Wandel zur Industrie erfolgreich vollzogen haben. Diese digitalen Leuchtturmprojekte zeigen, dass auch komplexe Bestandsanlagen kein unüberwindbares Hindernis sind. Die Studie von MHP führt drei Vorzeigeprojekte auf:
V4Smart: Ein digitaler Zwilling für die Batteriefertigung
Das Unternehmen V4Smart, ein Joint Venture von Porsche und VARTA, produziert in Nördlingen Hochleistungs-Batteriezellen für die Elektromobilität. Damit ist das Unternehmen in einem sehr dynamischen Markt mit hohen Wachstumsraten unterwegs.
- Projekt: Aufbau einer komplett neuen „Greenfield“-Fabrik, in der jede Batteriezelle einen cloudbasierten Digitalen Zwilling erhält, der pro Stück rund 2.500 Datenpunkte in Echtzeit erfasst.
- Vorteil: Eine lückenlose Rückverfolgbarkeit (Traceability) jedes einzelnen Bauteils. Fehler werden sofort im Entstehen erkannt, was die Ausschussrate minimiert und die Qualität massiv steigert.
- Lektion: Digitalisierung funktioniert am besten, wenn man sie von Anfang an mitplant („Digital-by-Design“) – die Software definiert hier, wie die physische Fabrik arbeiten muss.
ElringKlinger: Flexible Fabrik der Zukunft
Der weltweit agierende Automobilzulieferer ElringKlinger entwickelt und produziert spezialisierte Komponenten für Motoren, Getriebe und Abgassysteme und steht vor der Herausforderung, bestehende Werke fit für die Industrie 4.0 zu machen.
- Projekt: Transformation einer bestehenden Fabrik („Brownfield“) hin zum Software-Defined Manufacturing, bei dem Maschinen unterschiedlicher Hersteller über eine einheitliche IT-Landschaft zentral gesteuert werden.
- Vorteil: Extreme Flexibilität in der Fertigung; neue Produktanforderungen werden primär über Software-Anpassungen gelöst, anstatt die Maschinen wochenlang mechanisch umzubauen.
- Lektion: Die Vernetzung von Büro-IT und Produktionstechnik (OT) ist das notwendige Nervensystem, um auch alte Anlagen agil und wettbewerbsfähig zu machen.
Porsche: Daten als Treibstoff
Der Premium-Sportwagenhersteller Porsche agiert in einem globalen Markt, der sich immer stärker von der reinen Hardware-Entwicklung hin zu softwarebasierten Diensten und vernetzter Produktion verschiebt.
- Projekt: Strategische Transformation zur „Data-driven Company“ inklusive Aufbau eines zentralen Datenspeichers (Data Lake), auf den alle Abteilungen zugreifen können.
- Vorteil: Das Aufbrechen veralteter Datensilos ermöglicht es, Informationen abteilungsübergreifend zu nutzen, was die Entwicklungszyklen für neue Fahrzeugmodelle und Services deutlich verkürzt.
- Lektion: Echte Transformation gelingt nur „Top-down“ – wenn der CIO in der Geschäftsführung sitzt und das Teilen von Daten zur Unternehmenskultur erklärt wird.
Das enorme Tempo der chinesischen Industrie beschäftigt auch die Politik. Nicht zuletzt, weil der Außenhandel mit China von einem größer werdenden Defizit geprägt ist. Mit dem Industrial Accelerator Act (IAA) versucht die EU gegenzusteuern und mehr lokale Wertschöpfung zu erzwingen, lässt jedoch ein Schlupfloch. Der EU-Batteriepass ist ein Versuch, einen globalen Standard zu schaffen. Doch auch die Industrie ist gefragt. Die Antwort der Automobilzulieferer ist eine Diversifizierung in neue Geschäftsbereiche.

