Lernen zu lernen

Das Bildungssystem ist nicht darauf ausgelegt, dass Menschen ein Leben lang lernen müssen. Von Elementarpädagogik bis zur Erwachsenenbildung gibt es weitreichende Probleme mit Zugang und Gerechtigkeit.

  • Österreichs Bildungssystem ist gleichbleibend ungerecht.
  • Selbstgesetzte Ziele werden nicht erreicht.
  • Eine Geschichte für Arbeit und Wirtschaft.

Es gibt in der Elementarpädagogik die sogenannten Barcelona-Ziele. Die Mitglieder der EU haben im Jahr 2002 beschlossen, dass ein Drittel der Kinder unter drei Jahren und 90 Prozent aller Kinder zwischen drei und fünf Jahren eine formelle Betreuung hat. Diese Ziele gelten seit 2010. Österreich hat sie im Jahr 2021 zum elften Mal in verpasst. Das Problem ist, dass die Elementarpädagogik besonders sensibel ist. Die frühkindliche Bildung ist zum Beispiel bei der Sprachförderung entscheidend.

Probleme in der Bildungspolitik

Was Österreich in der Elementarpädagogik verpasst, holt das Land auch in der Schule nicht mehr auf. Die Bildungsausgaben liegen im OECD-Durchschnitt bei 4,9 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt. In Österreich sind es nur 4,7 Prozent. Das klingt nicht dramatisch, das Problem ist aber, wie das Geld ausgegeben wird.

86 Prozent der Ausgaben in Österreich sind Personalkosten. Und das in einem Land, in dem Unterricht sehr traditionell betrieben wird. Eine Person erzählt etwas, 25 bis 30 Kinder hören zu. Zusätzlich Schulpsychologen, Ergotherapeuten oder gar ein flächendeckendes Ganztageskonzept gibt es nicht. Alle Bereiche, die rund um das Kernthema Unterricht liegen, sind in Österreich unterentwickelt. Die finden nicht statt. Schule wird nur als Vermittlerin gesehen, und das ist ein ganz großes Missverständnis. Die aktuellen Herausforderungen, die auf die Schüler:innen zukommen, wie Digitalisierung oder Strukturwandel, lassen sich nicht dadurch vermitteln, dass alle in einer Klasse sitzen“, beschreibt Ilkim Erdost die Situation. Sie ist Bereichsleiterin für Bildung und Konsument:innen der Arbeiterkammer Wien.

Die dritte Stufe im Bildungssystem ist die Erwachsenenbildung. Es ist mit 4,2 Millionen Teilnehmer:innen auch gleichzeitig das größte Segment. In der öffentlichen Debatte findet dieser Bereich aber quasi nicht statt. Wenn Österreichs Firmen jammern, dass es zu wenige Fachkräfte gibt, weist kaum ein Politiker darauf hin, dass die eigenen Arbeitnehmer:innen entsprechend geschult werden könnten. Doch die Investitionen von Unternehmensseite gehen stattdessen zurück. „Die Verschränkung zwischen Bildungspolitik und Arbeitsmarkt wird nicht gesehen. Dabei ist die Erwachsenenbildung gemessen an den Teilnehmer:innen der größte Bereich“, analysiert Sabine Letz, Leiterin des ÖGB-Referats für Bildung, Freizeit, Kultur und Geschäftsführerin des Verbands für gewerkschaftliche Bildung (VÖGB).

Erfolg wird vererbt

Dazu kommen in allen drei Bereichen – Elementarpädagogik, Schul- und Erwachsenenbildung – systemimmanente Probleme. So kommen vor allem wohlhabendere Menschen mit Deutsch als Muttersprache reibungsfrei durch das Bildungssystem. Bildungserfolg ist in Österreich vererbbar.

Der österreichischen Regierung sind all diese Probleme bekannt. Sie stehen seit dem Jahr 2009 in jedem Bildungsbericht, der vom Bundesministerium selbst in Auftrag gegeben wird. Allein: Es ändert sich nichts. Die Bildungspolitik ist in Österreich ein Minenfeld. Die letzte große Reform geht auf Bruno Kreisky (SPÖ) zurück und dessen Kanzlerschaft ist mittlerweile vier Jahrzehnte her. Erdost diagnostiziert: „Im österreichischen Politsystem hat man gelernt, die Bildung lieber nicht anzugreifen, oder man verbrennt sich die Finger. Für eine weitreichende Reform müsste infrage gestellt werden, wie Schule derzeit funktioniert – nämlich halbtags und mit einer Selektion ab der Volksschule. Zweitens müsste man sich vielfältigen politischen Konflikten stellen. Länder und Gemeinden, Lehrer:innengewerkschaften, Elternvertreter:innen … Da gibt es viel verbrannte Erde“

Kein Geld für die Bildung

Die Geschichte „Der Mensch und die Bildung: Ein Leben lang“ gibt es bei Arbeit und Wirtschaft. Sie ist Teil der aktuellen Ausgabe, die sich der Bildung widmet. Dass sich nichts ändert, war schon bei der Verabschiedung der Ökosozialen Steuerreform absehbar. Auch der Haushalt 2022 sieht kaum mehr Ausgaben für die Bildung vor.

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