Während die Bundesregierung auf Unabhängigkeit von China drängt, investiert ZF massiv vor Ort: Derisking bedeutet für die Industrie oft mehr statt weniger China. Ein Blick auf das Paradoxon zwischen politischem Anspruch und der wirtschaftlichen Notwendigkeit, auf dem wichtigsten Automarkt der Welt als Innovationsführer präsent zu bleiben.
- Industrie und Politik interpretieren Derisking unterschiedlich.
- ZF verstärkt Engagement in China.
- Eine Geschichte für Table.Media.
Der Umgang mit China ist in Europa ein Politikum. Es geht über die reinen wirtschaftlichen Interessen hinaus. Im Lauf der vergangenen Jahre prägte die EU daher den Begriff „DeCoupling“. Dabei ging es darum, von China unabhängiger zu werden. Mittlerweile hat sich jedoch der Begriff „Derisking“ durchgesetzt – auch wenn Decoupling bei vielen westlichen Firmen ein Comeback feiert. Damit verbinden Unternehmen und Bundesregierung jedoch unterschiedliche Strategien – weniger China, sagt die Politik; mehr China, sagt die Wirtschaft. Zu der Recherche folgt hier eine Zusammenfassung. Die ganze Geschichte zum De-Risking gibt es bei Table.Media.
Derisking bei ZF
Der Automobilzulieferer ZF Friedrichshafen ist ein anschauliches Beispiel für die Unterschiede. „Unsere Strategie ist, dass wir die Struktur und den Prozess so gestalten, dass das Risiko im Falle extremer Turbulenzen gemildert wird, während wir in der Zwischenzeit versuchen, die Chancen des lokalen Marktes zu nutzen“, erklärt ZF-China-Präsidentin Renee Wang die De-Risking-Strategie. Um das zu tun, muss ZF seine Präsenz in China natürlich ausbauen. Das bedeutet: Forschung und Entwicklung, Produktion, Zulieferer – alles in der Volksrepublik.
Für all das muss ZF in China investieren. In Europa allerdings streicht der Konzern Stellen. Gerade hat er sich nämlich ein Sparpaket in Höhe von sechs Milliarden Euro verschrieben. Hintergrund sind enorme Zinsbelastungen, die durch die Kredite für die Übernahmen von TRW und Wabco entstanden sind. Während der Betriebsrat von 12.000 Stellen spricht, die gestrichen werden sollen, hat der Konzern noch keine konkreten Zahlen genannt. In China erwirtschaftet ZF derzeit 17,4 Prozent seines globalen Gesamtumsatzes. 30 Prozent sollen es bis zum Jahr 2030 werden. „Wir glauben, dass der chinesische Markt eine Chance für ZF ist. China ist der weltweit größte Automobilmarkt“, sagt Wang.
Zulieferer nicht freiwillig in China
Dass die Zulieferer in der luxuriösen Situation sind, überhaupt auf dem weltweit größten Automarkt eine starke Position zu haben, kam nicht von selbst. „Die Zulieferer sind historisch betrachtet in China gelandet, weil sie von den großen Autoherstellern in Europa aufgefordert wurden, mitzukommen – das geschah nicht immer ganz freiwillig, erwies sich aber für viele Unternehmen als sehr lukrativ“, führt Thomas Heck, China-Experte bei der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PWC) aus.
Das bedeutet, dass die europäischen Zulieferer lange Zeit von europäischen Autoherstellern abhängig waren. Mit dem Aufstieg der chinesischen Hersteller hat sich das geändert. Europäische Zulieferer (wie eben ZF) haben zunehmend chinesische Kunden, die auch den früheren Partnern aus Deutschland massiv Marktanteile wegnehmen. Auch deswegen, weil es den Zulieferern leichter fällt, das enorme Innovationstempo der Branche in China mitzugehen. Aus Sicht von Forschung und Entwicklung ist der chinesische Markt unverzichtbar.
Was versteht man unter Decoupling und Derisking?
Der Begriff Decoupling beschreibt die strategische Bestrebung, die ökonomische Symbiose zwischen zwei Nationalstaaten kontrolliert aufzulösen oder zumindest massiv zu reduzieren. Durch die Entflechtung von Produktionsketten, Technologiestandards und Finanzströmen versuchen Staaten, ihre Krisenresistenz zu erhöhen und sich gegen geopolitische Instrumentalisierung abzusichern. Es geht im Kern um den Schutz der nationalen Sicherheit durch wirtschaftliche Eigenständigkeit.
In der diplomatischen Praxis hat sich jedoch gezeigt, dass das Konzept der harten Abkopplung – insbesondere im Dialog mit Peking – als zu konfrontativ wahrgenommen wurde. Als moderatere Alternative hat die EU daher das „Derisking“ etabliert. Dieser Ansatz zielt nicht auf einen Totalbruch ab, sondern auf eine intelligente Risikostreuung. Flankiert wird dieser Prozess durch Konzepte wie „Friend-shoring“ (Verlagerung in Partnerstaaten) oder „Reshoring“ (Rückholung der Produktion ins Inland), wobei die Neuausrichtung der Handelsbeziehungen zu China derzeit im Zentrum der globalen Debatte steht.
China fährt eine pragmatische Wirtschaftspolitik. Der Handel mit anderen Ländern ist wichtig, um selbst nach vorne zu kommen. Das beweist die E-Auto-Strategie der Volksrepublik. Und auch die nächste Industrie hat das Land schon auserkoren. Im 15. Fünfjahresplan setzt der Nationale Volkskongress auf die Wasserstofftechnologie, um die Dekarbonisierung voranzutreiben. Eine wichtige Technologie dafür ist Ammoniak. Hier sind deutsche Unternehmen führend.


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