Eine Autoproduktion von BMW in China. Deutsche Autohersteller stehen in China vor politischen Risiken.

Decoupling ist zurück

Um unabhängiger von China zu werden, treiben viele amerikanische Unternehmen ihre Decoupling-Bemühungen voran. In Europa war der Begriff lange Zeit tabu. Jetzt feiert er ein Comeback.

  • Deutsche Autoindustrie muss die Abhängigkeit von China verringern.
  • Decoupling und neue Technologien.
  • Eine Geschichte für Table Media.

Die deutsche Industrie hat das Wort Decoupling schon vor längerer Zeit aus ihrem Wortschatz gestrichen und durch Derisking ersetzt. Dieser Begriff würde „Deutschlands Interesse an substanziellen Wirtschaftsbeziehungen und an Kooperationen mit China“ besser betonen, erklärte der Bundesverband der Deutschen Industrie noch Mitte 2023. Hintergrund sind neben dem enormen Absatzmarkt natürlich auch die geringen Produktionskosten, die den globalen Vertrieb rentabler gestalten. Mehr dazu in der vollständigen Geschichte bei Table Media (Paywall).

Decoupling feiert in der globalen Industrie ein Comeback

Doch nun feiert der Begriff ein Comeback – wegen Elon Musk. Der Chef des Elektroautoherstellers Tesla kündigte an, bis zum Jahr 2027 alle chinesischen Teile aus der Lieferkette für die amerikanische Produktion zu verbannen. Die ersten Schritte sind längst unternommen. Aufgrund hoher Zölle lässt Tesla etwa die Verträge mit CATL auslaufen, einem seiner wichtigsten Batterielieferanten. Anfang 2026 nimmt eine eigene Fabrik für die benötigten LFP-Akkus (Lithium-Eisenphosphat) in Nevada nahe der bereits bestehenden Gigafactory ihre Arbeit auf, um den bisherigen Zulieferer CATL zu ersetzen. Andere Hersteller ziehen nach. General Motors wies tausende Zulieferer an, keine Teile mehr aus China zu beziehen. Apple unterzeichnete im Juli 2025 einen Vertrag mit dem amerikanischen Bergbauunternehmen MP Materials, um seltene Erden zukünftig in den USA abzubauen.

Chinesische Autohersteller gewinnen in Deutschland zunehmend Marktanteile. Autohändler erweitern deswegen ihr Portfolio und setzen auf die Marken aus der Volksrepublik. Mit Erfolg.Zusammenfassung:punkt-am-ende.work/2026/01/04/c…Ganze Geschichte:table.media/china/thema-…

Christian Domke Seidel (@domkeseidel.bsky.social) 2026-01-05T07:47:15.830Z

Doch Alternativen zu China zu finden, ist komplex. Tesla hat eine eigene Batteriefabrikation in den USA aufgebaut. Doch in der EU ist das ein extrem zeit- und kostenintensives Unterfangen. Zuletzt ist Northvolt spektakulär gescheitert. Dabei würde eine lokale Produktion die Lieferketten enorm entspannen. Das politische Chaos im Jemen macht die Meerenge Bab al-Mandab und den Suezkanal zu einem Risiko. Das Rote Meer zu umfahren, ist teuer. Außerdem ist fraglich, ob die globale Wirtschaft in absehbarer Zeit wieder zu einem fruchtbaren Miteinander findet oder ob nicht viel eher zusätzliche Krisenherde und Zölle entstehen werden.

Die deutsche Autoindustrie bezahlt jetzt die Rechnung dafür, bei der Entwicklung neuer Mobilitätskonzepte zu zögerlich vorgegangen zu sein. Tesla versucht zu diversifizieren und setzt dabei voll auf den humanoiden Roboter. Deutschen Marken fehlen klare Alternativen und Strategien. Einen Wettlauf mit China in den gleichen Technologien – nämlich E-Autos und Batterien – können die hiesigen Marken allerdings nicht gewinnen.

Neue Technologien gegen die Bedeutungslosigkeit

Die Autoindustrie gilt als besonders abhängig von China. Das liegt auch daran, dass die Derisking-Strategie der Vergangenheit vermehrt Investitionen in China vorsah. Es ging vielmehr darum, sich den chinesischen Markt warmzuhalten, für den Fall einer globalen Krise. Zwei Drittel aller Investitionen in China zwischen 2020 und 2024 entfielen auf die Autoindustrie, wie das Mercator Institute for China Studies (Merics) vorrechnet.

Über mögliche Strategien und Zukunftsszenarien habe ich mich mit den Experten der Unternehmensberatung Advyce unterhalten. Sie führen darin aus, wo sie profitable Geschäftsfelder für die deutsche Automobilindustrie sehen. Und was droht, wenn sie diese nicht finden: „Wir haben noch eine Modellgeneration Zeit, die bisherigen Versäumnisse glattzuziehen. Gelingt das der Industrie nicht, wird es die deutschen Hersteller in ihrer jetzigen Form nicht mehr geben“, erklärt beispielsweise Robert Stephan. Vielmehr könnte es passieren, dass sie als Marken in einen chinesischen Konzern eingegliedert werden oder sich durch Zusammenschlüsse konsolidieren.

Auch Ökonomin Dalia Marin warnt vor einem China-Schock, der den Niedergang ganzer Industrien in Deutschland bedeuten könnte. In einem Interview mit der Sueddeutschen führt sie aus, was es bedeutet, dass seit der Coronapandemie die Exporte der Autoindustrie nach China um 70 Prozent eingebrochen sind, während sich die Einfuhren aus der Volksrepublik verdoppelt haben: „Der China-Schock trifft uns ins Herz, denn es sind exakt jene Branchen betroffen, auf denen der Wohlstand Deutschlands jahrzehntelang basiert hat.“

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Während westliche Autohersteller noch eine rentable Zukunftsstrategie suchen, sind die Mitbewerber aus China schon weiter. Immer mehr deutsche Autohändler erweitern mit den Marken aus der Volksrepublik ihr Portfolio. Auch in alternativer Mobilität scheinen die chinesischen Marken enteilt. Bald nehmen in Deutschland die Robotertaxis von Lyft ihren Dienst auf.

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