Elektroautos sind in der Reparatur teurer als versprochen. Während die mechanische Komplexität abnimmt, explodiert die digitale und rechtliche Problematik – und damit die Kosten und Risiken für Werkstätten.
- Chinas Autohersteller befürchten einen Datenverlust und versuchen, Reparaturmöglichkeiten einzuschränken.
- Versicherer machen mit E-Autos Verluste, weil die Reparaturkosten enorm hoch sind.
- Eine Geschichte für Table.Media.
Unter Chinas Autobauern verbreitete sich die „Walled Garden“-Strategie. Sie beschreibt ein geschlossenes Ökosystem, in dem ein Hersteller die volle Kontrolle über Hardware, Software und Daten behält. Ursprünglich von Tech-Giganten wie Apple bekannt, übertragen chinesische E-Auto-Bauer dieses Modell auf die Straße. Sie koppeln das Fahrzeug so eng an ihre eigenen digitalen Plattformen und autorisierten Werkstätten, dass unabhängige Dritte keine Chance haben. Wer ihren „Garten“ betreten will – sei es für eine Reparatur oder um Daten auszulesen –, benötigt einen digitalen Schlüssel, den nur der Hersteller besitzt. Das Ziel ist eine lückenlose Kontrolle über den gesamten Lebenszyklus des Autos, was den Wettbewerb ausschaltet und den Kunden dauerhaft an die teuren Services der Marke bindet.
Rechtsstreit wegen Reparatur von chinesischen E-Autos
Das hat zu einigen Rechtsstreitigkeiten geführt. Während den chinesischen Autobauern eine Millionenstrafe droht, sollten sie das „right to repair“ nicht umsetzen, wurden in China Mechaniker zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Den Hintergrund dazu erfahren Sie in meiner vollständigen Geschichte bei Table.Media (Paywall).
Die Autobauer begründen die Abschottung mit einer Reihe von Argumenten. Zum einen seien die Haftungsfragen ungeklärt. Wenn eine freie Werkstatt ein Batterie-Management-System (BMS) manipuliert und das Fahrzeug später beim Schnellladen Feuer fängt – kann es schwer werden, die Schuldfrage zu klären.
Daten als „digitales Eigentum“ verunsichern Werkstätten
Seit Anfang 2026 gelten Fahrzeugdaten außerdem offiziell als „digitales Eigentum“ der Hersteller. Was früher als bloßes technisches Protokoll galt, ist heute ein geschütztes Wirtschaftsgut. Auch, wenn China in der Praxis weit davon entfernt ist, privaten Werkstätten Reparaturen an Elektroautos zu verbieten, schafft diese juristische Feinheit für freie Werkstätten Rechtsunsicherheiten. „Die Frage ist, wo die Grenze gezogen wird. Wie weit darf eine Werkstatt bei der Reparatur gehen, wenn es um Software, Daten und Sicherheitsaspekte geht? Da geht es auch um den Verbraucherschutz“, erklärt Sebastian Wiendieck im Gespräch. Er ist Rechtsanwalt bei Rödl&Partner in Shanghai.
Allerdings dürfte in China bald mehr Klarheit herrschen. Denn die Versicherer ächzen unter den Reparaturkosten. E-Autos zu versichern, ist in China derzeit ein Verlustgeschäft. Statt nur das defekte Teil auszutauschen oder zu reparieren, tauschen die Werkstätten gleich ganze Bauteile aus, in denen das defekte Teil integriert ist. Die Reparaturkosten für E-Autos liegen im Durchschnitt 30 Prozent über denen von Verbrenner-Modellen. „Die Regierung hat erkannt, dass hier eine Lücke existiert, und es gibt Bestrebungen, sie im Sinne des Verbraucherschutzes zu schließen“, prognostiziert Wiendieck.
Nicht nur in China gibt es rechtliche Auseinandersetzungen wegen E-Autos. In Deutschland hat die Kanzlei JUN legal den Hersteller MG wegen vermeintlicher Lizenzverstöße bei der Software verklagt. Für die Autobauer kommt die Klage zu einer Unzeit. Gerade entwickeln sie sich zu einem Must-Have der Autohändler in Deutschland und gewinnen zunehmend Marktanteile. In der Volksrepublik hat sie die Kommunistische Partei außerdem aus dem Fünfjahresplan gestrichen.

