Weil der klassische Automobilmarkt keine Wachstumsperspektive mehr bietet, flieht der deutsche Mittelstand nach vorn in Richtung humanoider Robotik und Weltraumökonomie. Wo die deutsche Industrie Chancen hat.
- Weil die Automobilbranche in der Krise steckt, müssen die Zulieferer diversifizieren und neue Branchen erschließen.
- Zu den Nischen, in denen Zulieferer Chancen sehen, gehören Humanoide Roboter und Weltraumtechnologie.
- Eine Geschichte für Table Media.
Die deutsche Automobilindustrie, war jahrzehntelang der Motor der hiesigen Wirtschaft. Doch ausgerechnet der stottert derzeit gewaltig. Die Zeiten, in denen üppige Wachstumsraten Fehler ausbügelten und das Geschäftsmodell quasi auf Autopilot lief, sind vorbei. Inzwischen klagen 60 Prozent der Unternehmen über eine fehlende Wachstumsperspektive in ihrem angestammten Kernmarkt, wie die Unternehmensberatung Roland Berger in einer Analyse schreibt. Die klassische Wachstumsstory der Zulieferer ist auserzählt – wer jetzt nicht umsteuert, riskiert, den Anschluss zu verlieren. Was die Experten von Roland Berger dazu sagen, mit denen ich für die Geschichte gesprochen haben, lesen Sie in der vollständigen Geschichte. Hier folgt eine Zusammenfassung.
Zukunft für Zulieferer: Humanoide Roboter
Der Hoffnungsträger für diese Neuausrichtung scheint gefunden: Humanoide Roboter. Zwar erzählt China gerne die Geschichte vom uneinholbaren Vorsprung der Volksrepublik, doch tatsächlich sind deutsche Industrieunternehmen hier in zentralen Technologien führend. In den vergangenen Monaten haben die chinesischen Hersteller einen harten Realitätscheck erfahren. Ihre Modelle erzielen derzeit nur 30 Prozent der menschlichen Effizienz. Ihr größtes Problem ist die sogenannte „Manipulation“. Während die Fortbewegung in Simulationen gut funktioniert, scheitern die Maschinen oft noch am präzisen Greifen oder an unvorhergesehenen Reparaturaufgaben.
Genau hier liegt die Chance für den deutschen Mittelstand. Während die Konkurrenz in Fernost auf schnelle Skalierung und Masse setzt, besetzen hiesige Zulieferer anspruchsvolle Technologien wie etwa die Aktuatorik – also das Zusammenspiel aus Motoren, Getrieben und Sensorik. Präzisionsarbeit, die, so die Experten von Roland Berger, nicht so leicht zu kopieren ist.
Weltraumtechnologie statt Autos
Ein zweites Wachstumsversprechen liegt im Orbit. Dank wiederverwendbarer Raketensysteme sind die Kosten für den Transport in den Weltraum um rund 90 Prozent gesunken – und machen das All plötzlich zum rentablen Standort für Hightech-Fabriken. Die Rede ist von der sogenannten „Space Economy“, einem Sektor, der bis 2040 die Marke von einer Billion Euro knacken soll.
In der Schwerelosigkeit des erdnahen Orbits (LEO) lassen sich Produkte herstellen, die auf der Erde an physikalische Grenzen stoßen. Von defektfreien Kristallen für die nächste Chip-Generation bis hin zum 3D-Biodruck von menschlichem Gewebe. Dass dies keine ferne Science-Fiction ist, beweisen Unternehmen wie Brose, die ihr Know-how aus der Mechatronik bereits nutzen, um Kleinsatelliten in industrieller Serie zu fertigen. Doch auch hier ist der Druck hoch. China hat die industrielle Nutzung des Weltraums in seinem neuen Fünfjahresplan verankert, der ein aggressiver Taktgeber ist.
Zulieferer benötigen kulturellen Wandel
Doch die Frage, ob die Diversifikation klappt, ist nicht nur technologischer Natur. Dahinter steckt auch die Frage, ob die deutsche Unternehmenskultur bereit ist für diesen Umbruch. Jahrzehntelang war der deutsche Mittelstand darauf getrimmt, in riesigen Stückzahlen zu denken und fertige Produkte nach Jahren der isolierten Entwicklung an den Markt zu bringen. Doch in Branchen wie der Robotik oder Raumfahrt funktioniert dieses Modell nicht mehr.
Es braucht ein fundamentales Umdenken. Weg vom Fokus auf die kurzfristige Werksauslastung, hin zu Geschäftsmodellen, die in Jahrzehnten statt in Modelljahren gedacht werden müssen. Auch, was die Investitionen betrifft. Das Zeitfenster für diesen Wandel ist klein. Die globalen Tech-Riesen stellen jetzt ihre Lieferketten für die nächste Dekade auf. Wie Automotive-Experte Thomas Schlick von Roland Berger es im Interview zusammenfasst: „In der Automobilindustrie wird es kein klassisches Wachstum mehr geben. Die Unternehmen müssen sich gesundschrumpfen.“ Und den Mut aufbringen, die gewohnte Sicherheit der Serie gegen die Pionierarbeit im All und in der Robotik einzutauschen.
Die Zuliefererbranche befindet sich schon seit Jahren im Umbruch. Schon im Jahr 2030 könnte das größte Unternehmen in diesem Bereich aus China kommen. Tatsächlich sind chinesische Unternehmen derart erfolgreich, dass amerikanische Konzerne schon zum Decoupling aufrufen. Das Thema ist auch für Deutschland relevant. Denn die chinesischen Autohersteller fahren in Deutschland eine aggressive E-Auto-Strategie. Auch auf den EU-Batteriepass haben sich die Hersteller schon eingestellt.

