Eine neue Roland-Berger-Studie zeigt: Dank extrem niedriger Betriebskosten ermöglichen humanoide Roboter die Rückkehr der Produktion nach Europa. Doch der Wettkampf mit China und den USA um Anteile am Billionen-Dollar-Markt läuft bereits auf Hochtouren.
- Studie von Roland Berger zu humanoiden Robotern: 4 Billionen Dollar Markt erwartet.
- 2 Dollar pro Betriebsstunde könnten die Produktion zurück nach Europa bringen.
- Eine Geschichte für Table Media.
Will man die Bedeutung humanoider Roboter für die Industrie auf eine Zahl reduzieren, dann wäre es wohl diese: 2 Dollar. Das sind die prognostizierten Betriebskosten der Maschinen pro Stunde, rechnet die neue Studie „Humanoid Robots 2026“ von Roland Berger vor. Es würde westlichen Industrien erlauben, die Produktion – die sich auf günstige menschliche Arbeit verlässt – aus den Niedriglohnländern zurückzuholen.
Humanoide Roboter: 4-Billionen-Dollar-Markt bis zum Jahr 2050
Entsprechend groß ist das wirtschaftliche Versprechen hinter dieser Technologie. Die Experten der Unternehmensberatung Roland Berger prognostizieren für humanoide Roboter bis 2035 ein Marktpotenzial von 300 bis 750 Milliarden US-Dollar auf Herstellerebene. Langfristig, bis zum Jahr 2050, könnte das Volumen sogar auf 4 Billionen US-Dollar anwachsen – und damit eine Größenordnung erreichen, die der heutigen globalen Automobilindustrie entspricht. Mehr dazu lesen Sie in meiner Analyse für Table.Media (Paywall).
Die Idee dahinter ist, dass humanoide Roboter Tätigkeiten wie das Verräumen, Ein- und Auspacken von Kartons übernehmen. Tätigkeiten also, die derzeit von Menschen ausgeführt werden. Das Ziel ist nicht, dass humanoide Roboter die Arbeit klassischer Industrieroboter machen. „Wir werden in den kommenden Jahren einen Dualbetrieb sehen. Industrieroboter sind hochspezialisiert und extrem effizient. Die Geometrie des Menschen ist nicht für alle Schritte der industriellen Produktion geeignet“, erklärt Jonas Zinn, Mitautor der Studie, im Interview, das ich für Table.Media geführt.
Hype-Thema: Humanoide Roboter enttäuschen im Fabrikalltag
Doch der Plan hat einen Haken. Die humanoiden Roboter scheinen noch einen ganzen Entwicklungsschritt davon entfernt zu sein. Auch wenn die Salti schlagenden Modelle, die Friedrich Merz bei seinem Besuch in China zu sehen bekommen hat, auf den ersten Blick natürlich beeindruckend waren. Im Fabrikalltag hinken die Modelle den Erwartungen noch hinterher. „Es ist derzeit ein Hype-Thema und das führt noch zu falschen Erwartungen. Die Leute schauen sich Videos an und denken, der humanoide Roboter könne schon ganz viel, sind dann aber vom Praxiseinsatz in der Fabrik enttäuscht“, erklärt Thomas Kirschstein, Autor der Studie, im Interview.
Zum einen im Bereich der Langlebigkeit. Die humanoiden Roboter gehen schneller kaputt, als gedacht. Nach etwa einem Jahr müssten zentrale Komponenten getauscht werden. Industrieroboter halten trotz Dauerbetrieb drei bis vier Jahre. Zum anderen gibt es bei den chinesischen Modellen Schwierigkeiten mit der Künstlichen Intelligenz. Und das ist eine Chance für europäische Hersteller. Wenn die Roboter menschliche Aufgaben übernehmen sollen, müssen sie in der Lage sein, ihre Umgebung richtig zu interpretieren. Deutsche Pioniere wie Neura Robotics oder Agile Robots setzen auf diese „Physical AI“, anstatt den Robotern nur starr vorprogrammierte Abläufe beizubringen.
Chancen und Herausforderungen für europäische Industrie
Für Europa geht es dabei um mehr als nur neue Maschinen. Es geht um die industrielle Souveränität. Der Außenhandel mit China weist ein immer größeres Defizit auf. Und die Industrie versucht auf Hochtouren zu diversifizieren. Auch in den Bereich der humanoiden Roboter. Zwar beheimatet Europa bereits über 20 Start-ups für humanoide Roboter, doch bei Investitionen und Skalierung hinkt man den USA und China aktuell noch hinterher.
Ohne eine eigene europäische Wertschöpfungskette droht eine gefährliche Abhängigkeit von ausländischen Plattformen. Gelingt der Durchbruch nicht, würde ein erheblicher Teil der wirtschaftlichen Effekte außerhalb Europas entstehen – ein Szenario, das bereits in der Software- und KI-Industrie schmerzhaft ist.
Bevor die Vision der 2-Dollar-Stunde Realität wird, muss jedoch ein juristisches Vakuum gefüllt werden. Heutige Sicherheitsnormen sind auf Roboter ausgelegt, die hinter Schutzzäunen arbeiten. Humanoide Roboter hingegen bewegen sich dynamisch in den gleichen Räumlichkeiten wie Menschen. Hier braucht es dringend neue Zertifizierungslogiken. Auch im Bereich Datenschutz müssen sich Unternehmen Gedanken machen. Wem gehören die Trainingsdaten? Kann ich Trainingsdaten bedenkenlos hergeben? Wo kann man humanoide Roboter bedenkenlos einsetzen? Alles Fragen, denen ich mich in der Geschichte für Table Media gewidmet habe.
Wie stark die europäische Industrie unter Druck steht, zeigt auch das Industrie-4.0-Barometer. China enteilt hier der europäischen Konkurrenz bei den zentralen Technologien. Umso wichtiger ist es, von deutschen Best-Practice-Beispielen der Industrie 4.0 zu lernen. Auch die EU weiß um die Situation und versucht mit dem Industrial Accelerator Act (IAA) und dem EU-Batteriepass chinesische Konzerne zu mehr Lokalisierung zu motivieren. Derzeit setzt China sehr erfolgreich eine globale Wasserstoff- und E-Auto-Strategie um.

