Lange galt BYD als der große Herausforderer von außen – nun will der chinesische Gigant das System von innen mitgestalten. Mit dem offiziellen Aufnahmeantrag beim europäischen Automobilverband ACEA treibt der chinesische E-Auto-Gigant seine Globalisierung voran.
Es ist eine Zäsur für die europäische Automobilpolitik. BYD hat offiziell die Mitgliedschaft in der European Automobile Manufacturers’ Association (ACEA) beantragt. Damit fordert erstmals ein chinesischer Hersteller einen Sitz in einem exklusiven Zirkel, der seit Jahrzehnten die Interessen von Volkswagen, BMW und Stellantis vertritt. Ein Verbandssprecher bestätigte den Antrag Mitte April 2026. Sollte BYD aufgenommen werden, würde der Konzern direkten Einfluss auf die Gesetzgebung in Brüssel gewinnen – exakt an dem Ort, an dem bisher eher über Abwehrmaßnahmen gegen chinesische Konkurrenz nachgedacht wurde (die deutsche Außenhandelsbilanz mit China ist von einem steigenden Defizit geprägt).
BYD: Schwächelnder Heimatmarkt, offensive Globalisierung
BYD treibt seit Langem seine Globalisierung voran und verfolgt eine pragmatische E-Auto-Strategie. Im Jahr 2025 brach BYDs Nettogewinn aufgrund eines ruinösen Preiskriegs in China um 19 % ein. Da die Inlandsnachfrage Anfang 2026 weiter schwächelt (ein Minus von über 17 % im ersten Quartal), ist die globale Expansion für BYD ein logischer Schritt.
Mit dem Werk in Ungarn hat der Hersteller längst Fakten geschaffen. Die Lobby-Ambitionen sind nun das politische Fine-Tuning. Wer Milliarden in europäische Standorte investiert, will bei Industriestandards und Abgasnormen kein bloßer Zuschauer mehr sein. BYD will den Status des chinesischen Importeurs abstreifen und als lokaler Produzent wahrgenommen werden.
Einfluss von BYD innerhalb von ACEA
Der Beitritt zur ACEA ist auch eine Reaktion auf das immer schärfere regulatorische Klima in Europa. Während die EU-Strafzölle von bis zu 35,3 % die Importe chinesischer Elektroautos erschweren, setzt der Entwurf zum neuen Industrial Accelerator Act (IAA) seit März 2026 den Rahmen für die lokale Fertigung. Erhält BYD einen Sitz in der ACEA, kann der Hersteller zukünftig die Ausgestaltung solcher Gesetze beeinflussen.
So historisch dieser Schritt auch ist, inhaltlich gibt es zwischen der ACEA und BYD Gemeinsamkeiten. Deutsche Hersteller wie BMW und Mercedes-Benz lehnten 2024 die Strafzölle gegen China jedenfalls rigoros ab, da sie um ihre eigenen Fabriken und Absatzmärkte in Fernost fürchten. Die EU-Strafzölle betrachteten sie weniger als Schutzschild, sondern vielmehr als potenziellen Bumerang. Die Branchenspitze warnte unisono vor einer gefährlichen Eskalationsspirale. BMW-Chef Oliver Zipse nannte die Entscheidung ein „fatales Signal“, während Mercedes-Chef Ola Källenius betonte, dass Zölle den Wettbewerb langfristig eher ersticken als fördern. Dahinter steckt vor allem die Furcht vor Vergeltungsmaßnahmen aus China.
E-Auto-Chaos und frühere chinesische Mitglieder bei ACEA
BYD wäre bei einer Aufnahme der erste chinesische Konzern, der direkt am Tisch der ACEA sitzt. Dennoch ist chinesischer Einfluss innerhalb der ACEA kein neues Phänomen. Das langjährige Mitglied Volvo Cars befindet sich im Besitz des chinesischen Geely-Konzerns. Allerdings verließ der schwedische Autobauer den Verband Ende 2022 wegen Uneinigkeiten rund um das europäische Verbrennerverbot. Während der Verband das Verbrenner-Aus im Jahr 2035 als verfrüht kritisierte und vor mangelnder Infrastruktur warnte, verfolgt Volvo – unter der Führung seines chinesischen Eigentümers Geely – das ehrgeizigere Ziel, bereits ab 2030 eine rein elektrische Flotte anzubieten.
Volvo vollzog den Austritt kurz nach Stellantis, die aus dem gleichen Grund damals den Verband verließen. Stellantis gründete damals sogar das „Freedom of Mobility Forum“ – eine eigene Plattform für den öffentlichen Stakeholder-Dialog. Allerdings nahm der ACEA Stellantis zum 1. Januar 2025 wieder auf. Auch die Volvo Group ist noch Mitglied. Dabei handelt es sich allerdings um die Nutzfahrzeugsparte (Geely Holding Group, mit 8,2 % größter Anteilseigner), die komplett getrennt von der Volvo Car Corporation arbeitet.
Wer ist die ACEA?
Die ACEA ist der zentrale Interessenverband der europäischen Automobilhersteller in Brüssel. Er vertritt die strategischen Interessen von Branchengrößen wie VW, BMW und Renault gegenüber den EU-Institutionen. Mit 16 registrierten Lobbyisten nimmt der Verband direkten Einfluss auf die rund 150 Verordnungen der Branche, von Abgasnormen bis zu Handelsverträgen, um die globale Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Standorte zu sichern.
| Info | Details |
| Vollständiger Name | Association des Constructeurs Européens d’Automobiles |
| Sitz | Brüssel, Belgien |
| Präsident | Ola Källenius (CEO Mercedes-Benz Group), wiedergewählt bis Ende 2026 |
| Generaldirektorin | Sigrid de Vries |
| Anzahl Mitglieder | 17 große Automobil- und Nutzfahrzeughersteller |
| Kernfokus 2026 | Umsetzung des Industrial Accelerator Act (IAA), Euro-7-Normen, CO₂-Flottenziele und Ausbau der Ladeinfrastruktur |
| Digitale Sparte | ACEA:intelligence (seit 2025) für datengestützte Marktanalysen |
Liste der 17 ACEA-Mitglieder
Die Liste umfasst Hersteller von Pkw, Transportern, Lkw und Bussen. Wichtig: Stellantis ist nach einer Phase der Abwesenheit wieder als aktives Mitglied gelistet, während Volvo Cars (Pkw) weiterhin fehlt, die Volvo Group (Lkw/Busse) jedoch Mitglied bleibt.
- BMW Group
- DAF Trucks NV
- Daimler Truck AG
- Ferrari S.p.A.
- Ford of Europe
- Honda Motor Europe
- Hyundai Motor Europe
- Iveco Group
- JLR (Jaguar Land Rover)
- Mercedes-Benz Group AG
- Nissan
- Renault Group
- Stellantis (u. a. Opel, Peugeot, Fiat)
- Toyota Motor Europe
- TRATON GROUP (u. a. MAN, Scania)
- Volkswagen Group
- Volvo Group (Nutzfahrzeuge)
Dass die Industrie sich im Wettbewerb mit China befindet, ist nicht neu. Etwa im Bereich der humanoiden Roboter – ein Markt, der kurz vor dem Durchbruch stehen soll. Auch deswegen gilt diese Branche als Schlüsselindustrie bei der Diversifizierung der Zulieferer. Bereich der Industrie 4.0 ist der DACH-Markt derzeit abgehängt. Doch es gibt Best-Practice-Beispiele in Europa, die Hoffnung machen.

