In Österreich hat die Herbstlohnrunde 2023 begonnen. Die Debatten haben schnell an Schärfe gewonnen. Kein Wunder. Die Verhandlungen haben in Österreich eine ganz besondere Bedeutung.
- Herbstlohnrunde 2023 hat begonnen.
- Kollektivverträge in Österreich.
- Eine Geschichte für Arbeit&Wirtschaft.
In Österreich arbeiten 98 Prozent aller Beschäftigten in einem Kollektivvertrag. Rund 800 gibt es davon. Weil sie eine Laufzeit von 12 bis 36 Monate haben, werden rund 450 davon jedes Jahr neu verhandelt. Vor allem in der Herbstlohnrunde. Die Metaller haben die aktuelle eröffnet. Deren Abschluss (für rund 200.000 Arbeitnehmer:innen) gilt als wegweisend für die kommenden Verhandlungen.
Inflation und Kollektivverträge
Zentrales Thema bei den aktuellen Kollektivvertragsverhandlungen ist die Teuerung. Die rollierende Inflation (also die Preissteigerung der vergangenen zwölf Monate) liegt bei 9,2 Prozent. Liegt der Abschluss der Lohnverhandlungen unter dieser Preissteigerung, kommt es zu einem Reallohnverlust. Das bedeutet, dass die Beschäftigten sich vom gleichen Gehalt weniger Waren und Dienstleistungen kaufen können.
Doch damit ist das Problem noch nicht vollständig umrissen. Im vergangenen Jahr ging es der Gesamtwirtschaft in Österreich gut – das Wirtschaftswachstum lag bei rund 5 Prozent. Das lag auch an Nachholeffekten aus der Coronakrise. In diesem Jahr wird mit 0,3 bis 0,5 Prozent Wirtschaftswachstum gerechnet. Grund dafür sind keine fehlenden Produktionskapazitäten oder ein Fachkräftemangel, sondern schlichtweg die fehlende Nachfrage. Würde man darauf noch einen Reallohnverlust packen, könnte das verheerenden Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung haben. Für die Beschäftigten sowieso.
Mehr als Lohn: Arbeitsbedingungen verbessern
Doch in der Herbstlohnrunde geht es um mehr als nur den Lohn. So haben beispielsweise die Gewerkschaften auch schon die Forderungen im Sozialbereich übergeben. Die Pflege ist in Österreich (wie auch in Deutschland) eine Problembranche. Es fehlt an Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, die länger im Beruf bleiben. Die Belastung ist hoch, die Vergütung nicht. In der Herbstlohnrunde fordern die Gewerkschaften daher auch eine Reduzierung der Arbeitszeit und mehr Urlaubstage.
Die Forderungen kommen nicht überraschend. In der Pflege arbeiten 70 Prozent der Beschäftigten in Teilzeit. Ein zentraler Grund dafür ist die hohe physische und psychische Belastung. Viele Menschen können die benötigte Leistung schlichtweg nicht in Vollzeit erbringen. „Wir müssen die Arbeitsbedingungen verbessern, sonst können wir dem Personalnotstand nicht gegensteuern. Viele Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger bleiben keine fünf Jahre im Gesundheits- und Sozialbereich und das, obwohl sie ihre Tätigkeit als sehr sinnstiftend und wertvoll beschreiben“, analysiert Michaela Guglberger. Sie ist die Verhandlerin der Gewerkschaft vida.
10-Punkte-Plan für Österreich
Entscheidend in der Herbstlohnrunde ist, dass sich die Forderungen der Gewerkschaften auf das abgelaufene Jahr beziehen. Das bedeutet, dass die Inflation bereits stattgefunden hat und die Unternehmen ihre Gewinne bereits erwirtschaftet haben. Es geht nicht um mögliche Entwicklungen und Zukunftsspekulationen, es geht in der Herbstlohnrunde um eine faire Bezahlung für erzielte Ergebnisse, die sich mit Zahlen belegen lassen.
Dennoch achtet der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) auch abseits der Herbstlohnrunde auf die wirtschaftliche Gesamtlage. So hat er einen „10-Punkte-Plan für Standort und Beschäftigung“ präsentiert. Es ist ein Fahrplan für eine ganzheitliche und nachhaltige Investitionsoffensive für Österreich. Sie soll Jobs sichern und Impulse für die Wirtschaft setzen.
Preise, Klima und Kredite
Der umfangreiche Plan des ÖGB und die teilweise mühsamen KV-Verhandlungen der Herbstlohnrunde zeigen aber auch, dass es keine einfache Lösung gibt. Die Probleme sind vielschichtig. Auf die drohende Klimakatastrophe müssen Unternehmen wie Beschäftigte genauso reagieren wie auf Preistreiberei und steigende Kreditkosten.


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